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"DADA IS MUSS" eine Retrospektive

ab dem 04.10.2016

"DADA IS eine Retrospektive MUSS"

 

zeigt szenische Fotoarbeiten des Stückes.

 

Presse von Steffen Georgi:

 

Reanimation des Anarchischen

 

 

 

Zeichen und Wunder geschehen: Eine Leipziger Brettl-Bühne riskiert Kunst. Und zwar nicht die des politischen Kabaretts, wo Worte ja Waffen der Aufklärung sind (oder sein wollen) und man an die Wirkkraft kritischer Vernunft glaubt. Im Gegenteil: „DaDa is Muss“ heißt die Inszenierung (Regie: Leonie Sowa), die am Freitag im Central Kabarett Premiere hatte und die eine Hommage an jene Kunstströmung ist, die wie kaum eine zweite jedwede Sinngebung radikal zu negieren suchte.

 

Ein Programm aus gegebenem Anlass natürlich. Vor 100 Jahren gründeten Emmy Hennings und Hugo Ball in der Züricher Spiegelgasse das Cabaret Voltaire, wo erstmalig von einer illustren Künstlerschar das zelebriert wurde, was bald unter dem Namen Dadaismus für Furore sorgen sollte: „Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen“ – so formulierte der Dichter Richard Huelsenbeck die Dada-Programmatik einer künstlerischen Negation in Nonsens, eines Nihilismus lustvoller Sinnverweigerung.

 



 

Die dann trotzdem ja vor allem auch eins war: Eine Reaktion auf all jene national-chauvinistischen und sozial-darwinistischen „Sinngebungen“, die Europa zum Schlachthaus gemacht haben. Dass darüber hinaus ein gewisser Wladimir Iljitsch Lenin, der in unmittelbarer Nachbarschaft des „Voltaire“ sein Exil fristete, gegen den anarchischen Radau aus der Künstlerkaschemme in der ihm eigenen Spießermanie wetterte, ist in diesem Kontext weit mehr als nur eine hübsche Randanekdote.

 

Klar, heute wettert natürlich keiner mehr gegen Dada. Die Zeiten, als Kunst für Radau sorgte, Provokation war, sind vorbei – könnte man meinen. Denn zugleich sind National-Chauvinismus wie auch Sozial-Darwinismus inzwischen wieder salonfähig genug, um in erfolgreichen Wahlprogrammen Niederschlag zu finden. In denen steht dann nicht von ungefähr auch gern mal, wie zum Beispiel gutes deutsches, „identitätsstiftendes“ Theater auszusehen habe.

 

Nicht so jedenfalls wie das, was im Central Kabarett Meigl Hoffmann, Emma Rönnebeck und Eckehart Dennewitz veranstalten. Zu erleben ist der Versuch einer Reanimation des Anarchischen, wenn auch mit homöopathischer Dosierung. Ein dramaturgisch klug gebauter Dada-Nummernreigen mit passend lässiger Jazztrio-Begleitung und eine künstlerische Sinn-Zersetzung, die just heute wieder einigen Sinn machen könnte.

 

Mit einem „Spätwerk“ geht es los, mit Ernst Jandls Disput zwischen „universitäten professor“ (Hoffmann) und „groß kunstler“ (Rönnebeck) und diesem rhythmischen Stammel-Stakkato von wegen „ich sein mein sprach/ mein deutsch sprach/ mein schön deutsch sprach“ und den „nazi spruchen“ die zu „nazenspruchen“ werden. Das ist hier wie ein Warm-up, ein Einpendeln auf der Absurditätenschaukel, die „Dada is Muss“ zum Schwingen bringt: Mal hoch hinauf ins Überkandidelte, mal beinahe vorsichtig, der Absturzgefahr bewusst, die in diesem Programm droht. Markiert das doch zu dem, was man als Leipziger-Brettl-Konservatismus bezeichnen kann, den Versuch eines Kontrastes, wenn nicht Ausbruchs.

 

Allein das ist schon als positiv zu vermerken. Und die Momente wiederum, in denen diese Produktion schwächelt, erscheinen dann auch als jene einer schwankenden Vorsicht, eines Austestens dessen, was man an dadaistischen Zumutungen so riskieren kann. Im Gegenzug, im befreiten „Aufschwingen“ dann, gelingt wirklich Starkes: Großartig etwa, wie Rönnebeck durch die Zuschauerreihen berserkert und Trios „Dadada“ malträtiert. Wie Hoffmann als Hugo-Ball-Pappkostümpapst daher stakt oder mit Maskengesicht und genauesten, verknappten Gesten erstklassig Hans Arps „Kasper ist tot“ deklamiert. Und beinahe rührend ist, wie Dennewitz im Goldglitzerumhang und mit Krone als Karikatur eines „Großkünstlers“ von „bühnendeutschen burgentheatern“ (Jandl) erscheint, aber eigentlich der „Urdadaist“ ist, ein frohgemuter Patriarch des spielerischen Wider-Sinns.

 

Dada wolle, so Hugo Ball, die „völlig donquichotische, zweckwidrige und unfassbare Seite der Welt“ zeigen. Es bleibt zu wünschen, dass jetzt deren Neuaufbereitung im Central Kabarett ihr Publikum findet. Nicht nur, weil damit dieses Risiko eines durchaus gelungenen „donquichotischen“ Anrennens gegen das Brettl-Einerlei belohnt würde, sondern weil diese Art der Kunst heute wieder als auch genau das lesbar ist: als rigorose Gegenreaktion auf falsche Sinnstifter jeglicher Couleur.

 

 

 

Meigl Hoffmann

1990 bis 1991Kleinkunstkneipe "Goldenes Herz" (Chef, Kellner, Gast)

- Seit 2002 deutschlandweit mit verschiedenen Solo-Programmen unterwegs
- Zusammenarbeit mit internationalen Variete-Shows, Gastproduktion am Schauspiel Leipzig.
- Verschiedene Fernsehproduktionen (MDR, WDR)
- Seit 2007 wöchentliche Satire-Sendung im Leipzig Fernsehen "Fritz der Woche"
- Gelegentliche Hörspielproduktionen bei MDR-Kultur

1992 bis 1999 Kabarett Gohglmohsch (Darsteller, Schreiber, Gründer) 1999 bis 2004 Kabarett Academixer  (Darstellender Gast) 2007 bis 2008 Kabarett Gohglmohsch (Darsteller, Schreiber, Neu-Gründer) 2009 bis jetzt Leipziger Central Kabarett (Chef de Pointe)

 

Emma Rönnebeck

 

wurde in Magdeburg geboren, studierte von 1995-1999 Schauspiel an der Theaterwerkstatt Berlin-Charlottenburg (Leitung: Valentin Platereanu). 2001 Comedy Schule Köln mit Lachdiplom. 2001-2007 freiberuflich Theater und Comedyproduktionen. Von 2008 bis 2011 Ensemblemitglied am Centraltheater Leipzig. Seitdem wieder frei.

 

Sie arbeitete u. a. unter der Regie von Claudia Bauer, Mirko Borscht, Marie Bues, Herbert Fritsch, Rainald Grebe, Sebastian Hartmann, Sascha Hawemann, Albrecht Hirche, Martin Laberenz, Mareike Mikat, Jakob Weiss und Kay Wuschek. Am Centralkabarett Leipzig spielt sie im Moment 2 Stücke. Einige Film, Funk und Fernsehenarbeiten, darum ist sie nicht besonders berühmt.

 

Sie sitzt gerne draussen und guckt dich an, wenn du vorbeigehst.

 

 

Ekkehard Dennewitz
Geb.1945 in Leipzig, Abitur an der KJS Leipzig, Studium an der Theaterhochschule Leipzig, Diplom
Seit 1971 Regisseur und Dozent in Cottbus, Rostock, Berlin, Dresden und Leipzig.Von 1991-2021 Intendant und Regisseur in Marburg. Seit 2015 wieder in Leipzig,2016 Gast im Central-Kabarett bei Meigl Hoffmann ( Dada).

 

Leonie Sowa, geboren 1991, nahm ihre Theaterarbeit im Alter von vier Jahren in einem Bärenkostüm am Niederrhein auf und sah bis heute noch keinen Grund sie wieder an den Nagel zu hängen. Seit 2011 studiert sie Theaterwissenschaft in Leipzig. Darüber hinaus arbeitet sie u.a. als freischaffende Erschreckerin bei der Gruseltour Leipzig, im Lindenfels Westflügel und leitet seit 2013 die freie Theaterkompanie Moving Polygraph. Nach Inszenierungen wie „Der kleine Wassermann“ am Stadttheater Aachen, „Der Geburtstag der Infantin“ und „Das hündische Herz“ im Neuen Schauspiel Leipzig und in den Cammerspielen, verschlug es sie in die dadaistischen Gefilde des Central Kabaretts.